Zu viel Disziplin kann schlimme Folgen haben

Eine Hundestudie aus Frankreich zeigt: Man soll es mit der Selbstkontrolle nicht übertreiben, denn das kann schnell zu gesteigertem Risikoverhalten führen und am Ende zu einer Gefahr werden. Von Eckhard Fuhr

Hunde auf Frisbee-Jagd
© DAPD Eine Studie zeigt, dass disziplinierte Hunde eher Gefahren 
 
Von dem großen Kultursoziologen Norbert Elias wissen wir, dass Zivilisation ein Ergebnis fortschreitender Selbstkontrolle ist. Der zivilisierte Mann stürzt sich nicht einfach auf die begehrte Frau, sondern tanzt vorher mit ihr Menuett. Neben solchen positiven Zivilisationserscheinungen kennt man aber auch die sogenannte Zivilisationsmüdigkeit. Es kam zum Beispiel vor, dass zivilisierte Menschen nackend in der Botanik herum hüpften und die Sonne anbeteten, oder dass sie mit Blumensträußen am Bajonett jubelnd in den Krieg zogen.

Das menschliche Potenzial der Selbstkontrolle nämlich ist beschränkt. Müssen Kinder zu lange still sitzen, holen sie sich nachher auf der Schaukel oder dem Klettergerüst unausweichlich Blessuren, weil sie die Gefahren ignorieren und sich mehr trauen als sie dürften.

Wissenschaftler der Universität Lille haben nun herausgefunden, dass das bei Hunden genau so ist. Sie nahmen zehn Hunde. Die eine Hälfte gewöhnten sie daran, still zu sitzen, sich also zu beherrschen. Die andere Hälfte durfte sich frei bewegen. Dann brachten sie die Hunde in einen Raum mit einem Käfig, in dem ein aggressiver Artgenosse knurrte.

Die braven Hunde, die immer fein stille saßen, wagten sich mehrheitlich näher an den bösen Knurrer heran als diejenigen, die frei herum laufen durften. Disziplin führt also zu gesteigertem Risikoverhalten. Hunde, die von der Selbstkontrolle ermüdet sind, bringen sich leichter in Gefahr.

Krieg als neurobiologischer Prozess

Was für Menschen und Hunde gilt, muss auch für Gesellschaften und Staaten angenommen werden. IWF und EU-Kommission sollten die französische Studie nicht ignorieren. Wer zu viel Haushaltsdisziplin verlangt, muss sich auf böse Folgen einstellen. Man kann die Griechen zwar jetzt zum Sparen zwingen. Aber man soll sich dann nicht darüber wundern, dass sie unvorsichtig werden, wenn zum Beispiel die Türken oder die Mazedonier einmal knurren.

Blumensträuße fürs Bajonett sind schnell gepflückt. Sage niemand, das sei abwegig. Auch beim Krieg geht es, wie uns die Hunde lehren, um nichts anderes als um neurobiologische Prozesse.

 

Quelle: www.welt.de

 

Müde Hunde werden waghalsiger

 

Fähigkeit zur Beherrschung ist bei Tieren ebenso begrenzt wie beim Menschen

 
Geistig überanstrengte Hunde reagieren ähnlich wie Kinder: Müssen sie zu lange stillsitzen und sich beherrschen, werden sie unvorsichtig und verlieren leichter die Selbstkontrolle. Durch impulsive Handlungen bringen sie sich dann eher in Gefahr. Das hat ein internationales Forscherteam in einem Experiment herausgefunden. Das Ergebnis zeige, dass bei Hunden ähnlich wie beim Menschen, die Fähigkeit zur Selbstkontrolle nur eine gewisse Zeit reiche. Sei die Selbstkontrolle ermüdet, führe dies zu riskanterem Verhalten. Das berichten die Forscher im Fachmagazin „Psychonomic Bulletin & Review“.
 
  Hundemüde
Hundemüde
© Springer Science+Business Media Hundemüde
„Bisher ging man davon aus, dass die Ermüdung der Selbstkontrolle einzigartig für menschliches Verhalten ist“, schreiben Holly Miller von der Université de Lille und ihre Kollegen. Aus Experimenten und Beobachtungen wisse man, dass Menschen nur einen gewissen Vorrat an Selbstbeherrschung auf einmal abrufen können. Widerstehen sie für eine längere Zeit dem Drang, etwas Süßes zu essen, fehlt ihnen beispielsweise hinterher die Geduld und Selbstkontrolle, um ein kniffeliges Puzzle geduldig zu Ende zu führen.

Ermüdbarkeit der Selbstkontrolle kein rein menschliches Phänomen
„Ist diese Ressource einmal erschöpft, fällt es hinterher schwerer, impulsives Verhalten zu kontrollieren“, sagen die Forscher. Fußgänger laufen dann eher ohne zu gucken auf die Straße und Kinder fangen schneller Streit an.

Die Studie belege nun erstmals, dass diese Ermüdbarkeit der Selbstkontrolle doch kein rein menschliches Phänomen sei. Auch mental ermüdete Hunde neigten eher dazu, sich unüberlegt Risiken auszusetzen. „Die Forschung mit diesen Tieren könnte daher weitere Erkenntnisse über die physiologischen und neurobiologischen Prozesse liefern, die die Selbstkontrolle - auch beim Menschen – beeinflussen“, schreiben Miller und ihre Kollegen.

Still sitzen als Übung zur Selbstkontrolle
Für ihre Studie arbeiteten die Wissenschaftler mit zehn Hunden. Diese trainierten sie entweder darauf, zehn Minuten still zu sitzen und somit Selbstkontrolle auszuüben oder sie ließen sie in größeren Käfigen frei umherlaufen. Anschließend wurden die Hunde in einen Raum gebracht, in dem ein zweiter aggressiv knurrender Hund in einem Käfig eingesperrt war. Die Hunde verbrachten insgesamt vier Minuten in dem Raum und konnten sich dabei frei entscheiden, wie nahe sie dem aggressiven Artgenossen kamen.

Das Ergebnis: 59 Prozent der Hunde, die vorher in sitzender Haltung Selbstkontrolle ausüben mussten, verbrachten mehr Zeit in nächster Nähe zum aggressiven Hund. Von den zuvor frei umherlaufenden Hunden näherten sich nur 42 Prozent der potenziellen Bedrohung.

Selbstbeherrschung geht verloren
„Die Hunde mit ermüdeter Selbstkontrolle konnten ihrem natürlichen Impuls schlechter widerstehen, sich einem Artgenossen zu nähern und brachte sich so in Gefahr“, schreiben Miller und ihre Kollegen. Das belege, dass auch Hunden über keinen unendlichen Vorrat an Selbstbeherrschung verfügten. (Psychonomic Bulletin & Review, 2012; doi:10.3758/s13423-012-0231-0)
 

Quelle: www.scinexx.de

 

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