Welpenspielstunde – Grundlage von Kommunikationsproblemen unter Hunden?

Hunde sind hoch entwickelte Lebewesen, die von Natur aus in sozialen Familienverbänden leben und sich kommunikativ Untereinander gut verständigen können. Die Kommunikation untereinander wird im Welpenalter erlernt und hat Auswirkungen auf das ganze Leben des Hundes. Um die Kommunikationsfähigkeit unserer Hunde zu fördern, gibt es heute so genannte Welpengruppen oder Welpenspielstunden, die von Hundeschulen angeboten werden. Eigentlich eine gute Idee, wenn sie gut und professionell umgesetzt wird…
 
 

"Da müssen sie durch"

Dazu ein Beispiel aus meiner Praxis: Eine Hundehalterin rief mich an, ihr Yorkie – Welpe, 14 Wochen alt, sei völlig verängstigt und zu nichts zu gebrauchen. Bei einem Besuch fand ich dann tatsächlich einen ängstlichen Hund vor, der sich sogar hinter Schränken verkroch. Die Frau raunzte den Hund an, er solle hinter dem Schrank hervorkommen und sich mir zeigen. Als er das nicht tat, ging sie hin, zerrte ihn hervor, packte das arme Tier im Nacken und schüttelte es! Ich schlug die Hände über dem Kopf zusammen und sagte der Frau, sie möge dies bitte sofort unterlassen! Ich riet ihr, den Hund komplett in Ruhe zu lassen und mir erst einmal die Geschichte des Hundes zu erzählen.
Und wie ich es vermutet hatte. Der Hund war der erste Hund dieser Dame. Sie wollte nichts falsch machen und meldete sich bei einer Hundeschule zur Welpengruppe an. Der Hund kam im Alter von 8 Wochen zu seiner neuen Besitzerin, eine Woche später ging es in die Welpenschule. Dort wurde er in eine Spielgruppe gesetzt, die mit 5 Hunden besetzt war. Verschiedene Rassen waren in der Gruppe zu finden,  im Alter zwischen 9 Wochen und einem halben Jahr. Die Rassen waren ein Berner  Sennenhundwelpe, ein Labrador als „Ältester“, zwei Dackel und ein Bordercollie und eben unser Yorkie. Der Besitzer der Hundeschule setzte den Kleinen einfach zwischen die anderen Hunde. Als dieser von den mehrheitlich wesentlich größeren Tieren teils massiv bedrängt wurde und die Besitzerin einschreiten wollte, sagte der Hundetrainer nur: „Da muss er durch, die regeln das untereinander“. Weiter gab dieser Mensch der Frau mit auf den Weg, wenn der Hund daheim „nicht hören“ würde, ihn als „Bestrafung“ im Nacken zu packen und kräftig zu schütteln…
Leider werde ich immer wieder mit solchen oder ähnlichen Geschichten und Hundeschicksalen konfrontiert. Aber es macht mich wütend. Da geht die Frau in bester Absicht mit ihrem Tier zu einem „Fachmann“, und dort wird ihr alles falsch vermittelt, was man nur falsch vermitteln kann!
 

Lange keine großen Ausflüge

 
Gehen wir auf die einzelnen Fehler einmal genauer ein: Dazu sollten wir uns kurz vor Augen führen, wie eigentlich das soziale Leben bei Hunden von Natur aus aufgebaut ist. Gern führen Menschen an solchen Stellen den Wolf als Beispiel an, was hier nicht ganz falsch wäre, aber auf Grund der Domestikation vom Wolf zum Hund hat sich einiges beim Hund gegenüber seinem Stammvater Wolf verändert. Allerdings bei Welpen noch nicht wirklich viel – der einzige echte Unterschied zwischen Wolfswelpen und Hundewelpen ist eigentlich nur, dass junge Hunde wesentlich weniger ängstlich und scheu dem Menschen gegenüber sind. Die soziale Grundkomponente ist bei Wölfen, Hunden und auch verwilderten Hunden und Streunern eigentlich gleich. Das heißt, Welpen werden, wenn ihre Eltern sie aufziehen, sehr lange und sehr isoliert umsorgt. Das heißt z. B., dass wilde Hunde und Wölfe ihren Nachwuchs erst nach 5 – 6 Monaten auf weitere Streifzüge durch das Revier mitnehmen. Vorher kennen sie eigentlich nur ihren Geburtsort und ein bis zwei weitere Plätze. Sie wachsen behütet auf, werden aber erst mit ca. einem halben Jahr langsam in die große, weite Welt eingeführt. Sie leben mit ihren Geschwistern, die alle eine ähnliche Optik und Größe haben. Natürlich entwickeln sich unter den kleinen Geschwistern hier und da Rangordnungen und Raufereien, die aber meist mit dem Aufschrei des anderen enden. Die Jungen müssen ihre Grenzen erfahren und lernen. Wird es doch einmal zu heftig, schreiten die Eltern durchaus ein. Aber auch das ist sehr wenig brutal, meist werden die Kleinen einfach nur mit der Nase weggeschubst oder es wird der kleine Kopf andeutungsweise zwischen die großen Zähne genommen – der so genannte Schnauzgriff. Kleines Köpfchen zwischen Mutters riesigen Zähnen, das reicht zur Einschüchterung. Auf keinen Fall und niemals(!) wird ein Hund, ob Wildhund oder Haushund, seinen Welpen im Nacken schütteln, um ihn zurechtzuweisen oder zu „strafen“. Ein Hund, der dies macht, möchte den Welpen töten! Das kommt bei sehr kranken Welpen vor, oder wenn aus irgendeinem Grund ein fremder Welpe die Nahrungsgrundlagen des eigenen Nachwuchses gefährden würde.
 

Todesangst vor fremden Hunden

 
Wenn man sich die letzten Zeilen durchgelesen hat, wird man von selbst darauf kommen, was der kleine Yorkie zu Anfang des Artikels mitgemacht haben muss! Er durfte nicht lange bei seiner Familie sein und wird von fremden Menschen abgeholt. Nun, das ist aber noch in Ordnung, Hunde sind in der Lage, diese Umstellung in dem Alter zu verkraften. Was dann aber ganz schwierig wird ist, das arme Tier fremden Hunden auszusetzen und dort mobben zu lassen ohne einzugreifen. Jeder kann sich doch wohl vorstellen, wie sich ein kleiner Hund, gerade 9 Wochen alt und so groß wie eine Ratte, fühlen muss, wenn er von einem fremden, sechs Monate alten Labrador überrannt wird. Ganz einfach, das Tierchen hat Todesangst!
Heute wird den kleinen Tieren einfach zu viel zugemutet. Auch der jüngste Hund wird schon durch die Gegend gezerrt, in Aufzüge gesetzt, in Fußgängerzonen von Menschen bedrängt – nach dem Motto. Der muss sich ja an alles gewöhnen, sonst bekommen wir später die Probleme mit ihm. Aber diese Übertreibungen bereiten die Probleme meist erst…
 

Vertrauen ist wichtiger als Welpen in Aufzügen

 
Ich habe immer wieder die Erfahrung gemacht, dass ein junger Hund, der ein liebevolles Zuhause hat und der zu seinen Menschen aufschaut und ihnen vertraut, diesen überall hin folgt und auch unbekannte Ereignisse locker trägt, wenn er in seiner Jugend ein gewisses Selbstbewusstsein aufgebaut hat und seinem Herrchen/Frauchen vertraut. Dafür braucht man ihn keine Rolltreppe hinaufzuquälen – im Gegenteil – Ängste können sich tief einprägen.
Aber, damit man mich nicht falsch versteht: Ich bin kein grundsätzlicher Gegner von Welpenspielgruppen. Nur wenn man so etwas einrichtet, muss man auch wissen, was man macht, und nicht das Gegenteil von dem erreichen, was man ursprünglich wollte. Welpengruppen können in vielen Punkten sicher hilfreich sein. Im Punkt des „hündischen Rassismus“ ganz besonders. Wird ein Hund nur unter seines Gleichen groß, kann er sicher später Probleme mit Hunden anderer Rassen haben, insbesondere, wenn diese starke optische Abweichungen haben. Allerdings ist unser Yorkie den Rest seines Lebens vermutlich nicht gut auf die Rasse Labrador zu sprechen…
Wenn man also eine Welpenschule einrichtet, sollte man auf Folgendes achten: Man braucht mehrere Gruppen, praktisch „Klassen“. Innerhalb dieser Klassen müssen das Alter und die Größe ungefähr gleich sein, aber die Rassen unterschiedlich. Sagen wir, Westies mit Dackeln und Yorkies oder Schäferhunde mit Huskys etc. Man braucht also mindestens vier „Altersklassen“: 8 bis 10 Wochen; 10- 12 Wochen; 12 – 14 Wochen und 14 bis 16 Wochen. Dann muss man die noch in verschiedene Größen aufteilen – mindestens Klein, Mittel und Groß. Und die Gruppen sollten mindestens 4 Welpen beinhalten. Also, man braucht mindestens 12 Klassen mit 4 Welpen, die genau in das Schema passen – dann kann man vernünftige Welpengruppen installieren. Neben der vernünftigen Aufteilung der Gruppe ist ein weiterer Punkt sehr wichtig: Es ist in der Natur keineswegs so, dass die Welpen alles unter sich regeln. Im Gegenteil, wenn ein Gerangel zu heftig wird, greifen Eltern oder ältere Geschwister, die als „Babysitter“ abgestellt sind, durchaus ein und unterbrechen Grobheiten. Ähnlich sollte der Hundetrainer bei der Betreuung von Welpengruppen vorgehen – Grobheiten strikt unterbrechen und so erst gar kein „Mobbing“ aufkommen lassen. Es ist sogar möglich, diese Aufgabe von einem sehr gut sozialisierten, erfahrenen, erwachsenhen Hund ausführen zu lassen. Doch auch da gibt es eine Gefahr. Ein instinktiver Welpenschutz bei fremden Welpen existiert im Hundereich nicht! Heilig sind normalerweise nur die Welpen der eigenen Familie – fremde Welpen werden in der „freien Wildbahn“ gern getötet, weil sie einfach nur Nahrungskonkurrenten sind. Hat aber der Hundetrainer oder die Hundeschule einen Althund, der verlässlich ist und die Rolle des Aufpassers übernehmen kann, ist dies sicher hilfreich bei der Sozialisierung. Aber solche Hunde sind heute leider selten…
Also scheitern Welpengruppen meist an der Praxis, und so werden wieder kleine Dackel mit Bernhardinern zusammengesetzt, weil man es organisatorisch nicht anders hinbekommt.
 

Wichtig! Welpenschule genau prüfen!

 
Wenn sie also eine Welpenschule besuchen möchten, sollten sie sich folgende Kriterien vor Augen führen: Gibt es Welpenklassen nach Alter und Größe getrennt? Weiß der Hundetrainer, dass Hunde eben nicht alles unter sich regeln, und weiß er, dass man Hunde nie und unter keinem Umständen im Nacken schütteln darf? Ist das alles so, können Sie es probieren, wenn nicht, lassen sie die Finger von dieser „Hundeschule“ und suchen sich kompetente Menschen, die ihnen weiterhelfen – denn auch die gibt es. Oder bauen sie einfach ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen ihnen und ihrem Hund auf, dann wird ihr Hund ihnen überall hin folgen. Das Wichtigste im Verhältnis in der Beziehung zwischen Mensch und Hund ist nämlich Vertrauen.
 
Doch zurück zu unserem Yorkie. Der arme Kerl war durch die Bedrängungen der größeren Hunde nicht gut auf diese Tiere zu sprechen. Zudem hatte er keinerlei Vertrauen zu seinem Frauchen, weil die ja nicht in der Lage war, ihn vor den anderen Hunden zu beschützen. Die hatte ja nur zugeschaut, als er Todesängste litt… Und immer wenn er Angst hatte und Gefahren aus dem Weg gehen wollte, wurde er vom Frauchen auch noch durchgeschüttelt. Der Hund hatte ein völlig verdorbenes Verhältnis zu Mensch und Hund sowie keinerlei Vertrauen in seine einzige Bezugsperson, sein Frauchen. Mit viel Geduld und Liebe haben wir den Hund heute so weit gebracht, dass er Vertrauen in seinem Frauchen hat und Hunde ihm nicht mehr so ein Gräuel sind, wie noch vor Monaten. Aber ob dieser Hund jemals ein Hundefreund wird, bleibt abzuwarten…
 
Quelle: Thomas Riepe
http://klartexthund.blogspot.com/2011/04/welpenspielstunde-grundlage-von.html

 

 

Welpenspielgruppen/-prägegruppen

 

Drum prüfet, wer sich bindet oder wer Welpenspielgruppen oder Welpenprägetage besuchen möchte

 

Viele Menschen, die sich in unserem Tierschutzverein für einen Hund bewerben und im Fragebogen auf die Frage stoßen „Wollen Sie mit Ihrem Hund eine Hundeschule besuchen“, kreuzen in Erwartung, dass wir diesen Umstand ganz sicher begrüßen werden, freudig ein „Ja, natürlich“ an.

In früheren Zeiten hätten wir uns über diese Aussage ganz sicher gefreut. Früher glaubten wir noch uneingeschränkt an die Qualität und die Kompetenz von Hundetraining und Hundetrainer. Ja früher leuchteten unsere Augen, wenn wir hörten, der neue Hundehalter würde sich in fachkundige Begleitung und Führung begeben. Er stünde nicht alleine da, mit den Sorgen und Nöten und vor allem nicht mit seinen vielen Fragen über die „Terra incognita“ Hundehaltung und -erziehung. Es geht schon los beim ersten Einkauf: Halsband oder Brustgeschirr? Flexi oder Lederleine? Kurz oder lang? Schellen oder Halti? Ist der frischgebackene Hundehalter dann erst mal in die Gassi-Runden seiner Umgebung integriert, so führt sich dies fort: Klapps oder Klicker? Alphawurf oder Schnauzgriff? Wattebäusche oder Ignorieren?

Die Zeiten ändern sich und immer mehr Fachleute, Hundetrainer und Tierschützer haben Welpenspielgruppen und sogenannte „Prägetage“ genauestens unter die Lupe genommen. Ein Großteil der Leute, zu denen auch ich gehöre, geben nunmehr den Rat: „Gehen Sie lieber nicht in Welpenspielgruppen!“. Warum das so ist, will ich Ihnen im Folgenden erklären.

Ich persönlich habe aus den vielen Jahren der Tierschutz- und Hundetrainingsarbeit lernen müssen, dass die Grundlagen für späteres Problemverhalten eines Hundes häufig bereits beim Besuch einer schlechten Welpenspielgruppe gelegt wurden. Die in typischen „Welpengruppen“ häufig anzutreffenden Massen-Ansammlungen von Welpen unterschiedlichster Couleur bilden leider einen optimalen Nährboden für ein künftiges Aggressionsverhalten des Welpen gegen Artgenossen.

Ich möchte Ihnen nachfolgend einige Anhaltspunkte dafür geben, ob Sie es mit einer gut geführten Welpenspielgruppe zu tun haben.

Wer mit Geilgeiz-Angeboten wie „Kommen Sie zu unseren kostenlosen Welpenspielgruppen“ lockt, hat deutlich besonders finanzielle Interessen im Sinn. Menschen neigen dazu, bei „kostenlos“ sofort zuzugreifen. Nicht immer ist dieser Charakterzug aber von Vorteil, auch nicht bei der Entwicklung eines Hundes, denn wenn viele Menschen das Lockangebot nicht hinterfragen, werden Sie mit Sicherheit vielen schnäppchenbegeisterten Welpenbesitzern auf dem Hundeplatz begegnen. Wo sich viele Welpen vereinen, sind auch viele Rassen, Größen und Altersgruppen vertreten. Da gibt es die rüpeligen 12-wöchigen Draufgänger-Schäferhunde genauso wie die schüchterne, kleine erst neun Wochen alte Mischlingshündin, die angesichts der Ansammlungen von Welpen am liebsten im Erdboden versinken würde.

Gleich zwei Irrtümern unterliegen wir Menschen an dieser Stelle: Hunde sind zwar keine Wölfe, aber dennoch hörte ich noch niemals, dass sich Welpen verschiedener Rudel, Rassen und Familien zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Tag verabredet hätten, um mal eben ein wenig miteinander zu spielen und in Kontakt zu treten. Diese „Welpentreffen“ kommen weder bei Wölfen noch bei verwilderten Haushunden vor, sondern ist das Produkt einer vom Menschen geschaffenen Idee, die damit begründet wird, die Welpen bräuchten das ja, um Sozialverhalten zu lernen.

Und damit kommen wir gleich zum zweiten Punkt. Was soll unsere kleine, zarte neun Wochen alte schüchterne Mischlingshündin lernen, wenn sie permanent vom 12-wöchigen-Draufgänger-Schäferhund gemobbt und bedrängt wird? Richtig, folgen Sie nur mutig Ihrem Gedanken! Sie lernt in erster Linie, dass Schäferhunde zumeist Draufgänger sind und sich blöde und rüpelig verhalten und dass es besser ist, sie sich vom Leibe zu halten. Kommt dann noch die Jungspund-Labradorwalze hinzu oder der frühreife Mischlingspfiffi „Rammelmeier“ von nebenan, genereralisiert sich diese Einstellung  zu „Artgenossen sind Mist“ in Nullkommanix. Noch kann sich unsere kleine, zarte neun Wochen alte Mischlingshündin nicht wehren, aber wartet, wenn sie groß ist! Schon bevor sie einen anderen Hund nur richtig sehen kann, wird sie giften und wüten, denn Angriff ist eben doch die beste Verteidigung.

Lassen Sie uns im nächsten Schritt einen Blick auf die Beziehungsebene von Frauchen und unserer kleinen, zarten und schüchternen Mischlingshündin werfen.
Während unser schneidiger „Draufgänger-Schäfi“ die Kleine mal so richtig unter seinen Körper begräbt und lernt, wie er andere Hunde eintütet, steht Frauchen steif und wie angewurzelt da und schaut mit hilflosem Blick zum einzigen Hundetrainer auf dem Platz. Der Hundetrainer erfasst glücklicherweise die Situation auf einen Blick („Frauchen braucht dringend Unterstützung!“) und brüllt über den Platz: „Lassen Sie mal! Das machen die unter sich aus! Das schadet denen nix.“ Frauchen unterdrückt also das beklemmende Gefühl in der Bauchgegend und lässt sich nicht beirren, auch dann nicht, als die kleine Zarte vergeblich Schutz hinter den Beinen ihres Frauchens sucht.
Welche Lektion hat unsere Kleine nun gründlich gelernt? -  Zu Frauchen brauche ich gar nicht erst zu kommen, wenn es brenzlig wird, denn sie beschützt mich sowieso nicht. Ich bin völlig auf mich allein gestellt und muss diese Rüpeleien erstmal ertragen. Hilfe von meinen Menschen bekomme ich nicht. Es interessiert sie nicht, ob ich mich gerade sehr ängstige und mich nicht wehren kann.
Erwarten Sie nun, lieber Welpengruppen-Massenansammlungs-Teilnehmer ernstlich, dass der Hund, sobald er dem Baby- und Kleinkinderalter entwachsen ist, hört, wenn Sie ihn rufen oder er nicht aggressiv auf den Anblick von Draufgänger-Schäferhunden reagiert? Sie haben ihm doch systematisch und in vielen Welpenspielstunden beigebracht, eben kein Vertrauen zu Ihnen zu haben und die Sachen nach Möglichkeit alleine zu regeln?! Jetzt regelt er die Sache alleine und Sie sind immer noch nicht zufrieden?

Weitere Negativ-Elemente kommen häufig beim Besuch von Welpenspielgruppen hinzu:

  • Durch die Massenansammlungen unterschiedlicher Welpen entsteht sehr häufig Stress beim jungen Hund, dessen Nervenkostüm noch längst nicht sicher stabil und fest ist. Stress beim Hund funktioniert genauso wie Stress beim Menschen. Es werden Hormone ausgeschüttet, die vielerlei bewirken, z. B. flüssigen oder breiigen Kot. Beobachten Sie Ihren Hund bzw. seine Hinterlassenschaften mal genau, wenn er sich während oder nach dem Besuch des Hundeplatzes löst und machen Sie sich so Ihre Gedanken …
  • Aus lernpsychologischer Sicht ist es unmöglich, in einer Stress-Situation zu lernen. Diesen Fakt können Sie sich sehr leicht verdeutlichen: Nehmen wir die Führerscheinprüfung, in der Sie gerade stecken. Sie sind mittendrin, mussten vorher schon hundertmal aufs Klo und schlängeln sich nun in Ihrer Praxis-Prüfung durch den Nachmittagsverkehr. Ihre Hände schwitzen, denn Sie wollen unbedingt diese Prüfung bestehen. Während Sie versuchen, all ihr Gelerntes bestmöglich anzuwenden, um die Prüfung zu bestehen, möchte ich Ihnen aber als Fahrprüfer den Rechenweg für die Integralrechnung erläutern. Ich setze voraus, dass Sie in der Lage sein werden, meinen Rechenweg und meinen Erläuterungen zu folgen, so dass Sie nachher zu Hause ganz selbstverständlich die Übungsaufgaben meistern werden. Wie absurd dieses Unterfangen ist, dürfte klar sein, wenn nicht, machen Sie doch einmal die Probe aufs Exempel.
  • Welpengruppen, so haben wir gelernt, sind eine Ansammlung von Welpen. Kein einziger erwachsener Hund reguliert zumeist den Kindergarten. Lassen Sie mich auch hier die Absurdität dieser von Menschenhand geschaffenen Situation verdeutlichen. Nehmen wir an, Sie haben ein Kind, vielleicht drei Jahre alt. Es wird Zeit, Ihren Nachwuchs im Kindergarten anzumelden, um es zu fördern und ihm das Spiel mit „Artgenossen“ zu ermöglichen. Gleich zwei Fragen stellen sich mir dann: Würden Sie Ihr Kind in eine Kindergartengruppe ohne Erzieher geben, die Streitereien schlichten, anleiten, helfen, trösten und ermutigen oder auch Grenzen setzen? Würden Sie garantiert nicht! Die zweite Frage betrifft Ihre Erwartungshaltung: Was glauben Sie, würde Ihr Kind in einer Gruppe ohne Erzieher von den anderen, gleichaltrigen Kindern lernen? – Gutes Sozialverhalten vielleicht? Wie esse ich meine Banane richtig? Die Antwort ist einfach: Ein Kleinkind würde kaum etwas Sinnvolles von seinen Kindergarten-Freunden lernen, wenn keine Erwachsenen die Gruppe leiten und führen würde. – Und wie kommen Sie dann darauf, dass Ihr Welpe von den anderen nicht ausgereiften Welpen seiner Gruppe lernt und vor allem was? Sollte dann doch ein "Alt-Hund" mit auf dem Platz sein, so beobachten sie sein Verhalten gegenüber den Welpen genau – denn auch hier gibt es immense Unterschiede in der Qualität! Ein tyrannischer, aufgedrehter Alt-Hund, der mal eben unseren Welpen zeigt, wer hier das Sagen hat, bringt kaum etwas. Qualität zeichnet denjenigen aus, der dämpft, wenn es zuviel wird und sehr dosiert zurechtweist und Grenzen setzt, wenn es denn sein muss.

Lassen Sie uns an dieser Stelle festhalten, was in den ersten Wochen und Monaten nach Ankunft eines Welpen grundlegend und wichtig ist:

  • Kennenlernen und ruhiges Ankommen in der neuen Heimat
  • Vertrauensaufbau und Bindungsarbeit mit dem Welpen
  • Kennenlernen von anderen Tieren des täglichen Lebens wie Katzen, Kleintiere, Pferde etc.
  • Kennenlernen von alltäglichen Alltagssituationen wie Autofahren etc.
  • Sozialkontakte mit sozial sicheren, positiv gesinnten Artgenossen

Besser als eine Welpenspielgruppe ist eine gemischte, überschaubare Gruppe von sicheren Hunden. Hier kann der Welpen junge und alte, große und kleine, männliche und weibliche Artgenossen mit ihrem differenzierten Verhaltensrepertoire kennenlernen. Unser Welpe hat die Möglichkeit, zu lernen, dass er mit dem Einen spielen kann und mit dem Anderen eben nicht. Er lernt, dass wildes Drauflosstürzen zumeist wenig Anklang bei Erwachsenen findet und auf die Signale und die Kommunikation seiner Artgenossen zu achten.

Sollte unser Welpe also niemals mit anderen Welpen spielen? – Doch natürlich, aber achten Sie darauf, dass Sie nicht dulden, wenn ihr Welpe gemobbt oder mit Reizen nur so überflutet wird. Besser für das Nervenkostüm Ihres Welpen und für sein Sozialverhalten ist es zumeist, wenn Sie Ihr Hauptaugenmerk zunächst auf oben benannte Punkte richten. Ist dann aus Ihrem Welpen ein Junghund geworden (so mit vier, fünf Monaten), haben Sie hoffentlich eine feste Basis gelegt und können dann immer noch in eine Hundeschule zum Erlernen von Grundkommandos oder ähnlichem gehen.

Bestehen Sie dort gemeinsam ruhig und sehr dosiert die Abenteuer eines Hundeplatzes. Geben Sie stets Sicherheit und achten Sie auf mögliche Stress-Anzeichen wie Hecheln, geweitete Augen, Schütteln, häufiges Urinieren, dünner Kot etc. Sollte Ihr Hund eher zu den Draufgänger-Hunden gehören, so setzen Sie ihm Grenzen.

Achten Sie ggf. beim Besuch von Welpenspiel- oder Junghundegruppen darauf, dass die Anzahl der teilnehmenden Hunde überschaubar ist (nicht mehr wie vier bis max. sechs Hunde gleichzeitig). Wenn erwachsene Hunde dabei sind, die das Geschehen regulieren sollen, so schauen Sie sich genau die Art und Weise des Einschreitens des Althundes an. Bei einer Maßregelung eines erwachsenen Hundes sollte der Welpe danach keinerlei sichtbare Angstanzeichen gegenüber dem Erwachsenen zeigen. Wie bei einem Kind auch, das gerügt wird, sollte der Welpe kurz innehalten und sich danach wieder seinem Spiel zuwenden. Zeigt er anhaltende Angst gegenüber dem Althund, so war die Zurechtweisung in Art oder Umfang nicht in Ordnung.

Gute Welpenspielgruppen zeichnen sich nicht als einstündige „Jetzt geht’s los und wir toben bis der Arzt kommt“- Veranstaltung aus, sondern werden sehr individuell unter Berücksichtigung der Charaktere der Welpen geführt. Es sollte auch Phasen des Ausruhens berücksichtigt werden, auch wenn Sie noch so froh wären, wenn der Welpe nach dem Besuch der Welpengruppe zunächst mal für mehrere Stunden bei Ihnen zu Hause besinnungslos ins Koma fällt.

Gute Welpengruppen richten sich in erster Linie an Sie als Hundehalter. Vielfältige Fachinformationen zu allgemeinen Hundethemen wie gesetzliche Vorgaben zur Hundehaltung, richtige Auslastung eines Hundes in all seinen verschiedenen Schwerpunkten, Stubenreinheit und Beisshemmung, Stress bei Hunden etc. sollten Sie mit nach Hause nehmen.

Nach all diesen Ausführungen dürfte es künftig für Sie einfach sein, Welpenspielgruppen nach Ihrer Qualität und ihrer Sinnhaftigkeit für Sie und Ihr Tier zu beurteilen.

Welpenspielgruppen sind häufig ein allzu gutes „Kundenfangmittel“ ala‘ „Ist der Hundehalter mit seinem Hund erst mal auf dem Platz, sorge ich dafür, dass er ewiglich bleibt und löhnt.“ Und richtig, genauso ist es auch, denn teure Einzeltrainingsstunden zur Behebung von Problemverhalten sind oftmals vorprogrammiert. Wie schön, das sichert die eigene Existenz und darum geht es doch oder für Sie doch eher nicht?

Claudia Hauer

PS: Und noch ein Tipp: Nicht überall, wo "gold", "preisgünstig", "Tierschutz" oder "Gewaltfrei" drauf steht, ist selbiges auch drin. Es ist eben das wahre Leben und jeder outet sich durch das, was er tut. Also lassen Sie sich nicht täuschen und prüfen Sie genau, wenn Sie sich binden ;)

 

Claudia Hauer 4/2010

 

 

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